Ein Widerspruch von Stoff und Form (Claus Peter Ortlieb)

Claus Peter Ortlieb – Ein Widerspruch von Stoff und Form

Nachträgliche Vorbemerkung (3. November 2008)

Die bis dato verbreitete Vorstellung einer dauerhaft durch den Finanzsektor angetriebenen Kapitalakkumulation dürfte sich im September und Oktober 2008 erledigt haben. Nicht erledigt ist dagegen die ebenso falsche Vorstellung, es handele sich nur um eine Krise der Finanzsektors, die jetzt allerdings auf die Realwirtschaft „übergreife“. In der veröffentlichten Meinung zumal in Deutschland herrschen Erklärungsmuster mit antisemitischen Untertönen vor, in denen der drohende Kollaps des Finanzsystems und die sich abzeichnende schwere Rezession bzw. Depression der „Gier“ und dem „Größenwahn“ des „angelsächsischen Finanzkapitalismus“ als alleinigen Verursachern zur Last gelegt wird. Das aus der Mottenkiste wieder hervorgeholte Gegenmodell des „rheinischen Kapitalismus“ bzw. der „sozialen Marktwirtschaft“ dient noch als ideologische Beruhigungspille, obwohl es seine Zeit als tragfähiger Modus kapitalistischer Vergesellschaftung längst hinter sich hat. Es ist offensichtlich, dass hier wieder einmal die strukturell antisemitische Argumentationsfigur Pate steht, das „schaffende Kapital“ müsse vor dem „raffenden Kapital“ gerettet werden.

Dabei wird geflissentlich übersehen, dass das Wachstum der Weltwirtschaft seit Jahrzehnten wesentlich durch spekulative Differenzgewinne und Defizitkreisläufe, also durchs Schuldenmachen in Gang gehalten wurde. Die Rede vom „Übergreifen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft“ ist deshalb irreführend. Tatsächlich wurde die seit Anfang der 1980er Jahre wirksame Krise der Realwirtschaft durch kreditäres deficit spending nur immer weiter aufgeschoben, bis die Kreditgeber schließlich an den zunehmend fauler werdenden Krediten zu ersticken drohten. Die nahe liegende Frage nach den tieferen Ursachen der realwirtschaftlichen Krise, also der Unmöglichkeit, noch in ausreichendem Maße reale Gewinne zu machen, wird dagegen nicht gestellt, weil sie in der Tat ein Ende des Kapitalismus und nicht nur die mangelnde Tragfähigkeit besonderer Modi kapitalistischer Vergesellschaftung ins Blickfeld rücken würde. Von dieser Frage handelt nachfolgender Text.

Er bewegt sich auf der Ebene der Marx‘schen Kritik der politischen Ökonomie, die schon einnehmen muss, wer an die in der kapitalistischen Langzeitdynamik liegenden Gründe für die jetzt manifest werdende Krise herankommen will. Es war nicht zu erwarten, dass ein solcher Zugang in die Massenmedien der Bewusstseinsindustrie eingehen könnte. Dass er aber offenbar – anders als noch in den 1970er Jahren – auch linken Publikationsorganen nahezu durchgehend verschlossen ist, verweist auf einen theoretischen Verfall der Linken, der angesichts des inzwischen erreichten Tempos der Krisendynamik als bestürzend bezeichnet werden muss.